Wozu brauchen wir Wildnis?

Anerkennung des Eigenwertes der Natur

In § 1 (Ziele des Naturschutzes) des Bundesnaturschutzgesetzes von 2002 ist erstmalig vom Schutz der Natur „auf Grund ihres eigenen Wertes“ die Rede. Erkennen wir diesen Eigenwert der Natur an, wenn wir sie ständig pflegen und entwickeln? Diesen Eigenwert billigen wir ihr erst zu, wenn wir zumindest auf Teilflächen Natur Natur sein lassen und sie sich ungegängelt entwickeln lassen. Ob uns dies möglich ist, hängt davon ab, wie weit wir fähig sind, unsere eigene Wichtigkeit zu relativieren.

Bewahrung des Naturerbes

Buchen am Petersberg 1Der ausschließlich in Mitteleuropa ehemals flächendeckend verbreitete Lebensraumtyp der Rotbuchenwälder ist in großem Umfang zurückgedrängt, zerstört worden und in Deutschland nur noch auf 6,6 % seiner potentiellen Fläche erhalten. Buchenwälder sind somit ein herausragendes Naturerbe unseres Landes, für das wir eine besondere Verantwortung tragen, d. h. wir müssen die Entwicklung von Rotbuchenwäldern in möglichst vielen Teilen unseres Landes fördern.

Um glaubwürdiger zu werden

Kann es angehen, dass wir als wohlhabende Hauptverursacher globaler Umweltprobleme Jahrhunderte lang Wildnis zerstört haben und jetzt besonders von Ländern der sogenannten Dritten Welt den Erhalt von Wildnisgebieten fordern, aber selbst nicht bereit sind, Wildnis bei uns einen Raum zu geben? Bleiben wir nicht unglaubwürdig, wenn wir nicht selbst durch die Entwicklung von Sekundärurwäldern auf Teilflächen Beispiele geben?

Sicherung der Biodiversität

Die Geschwindigkeit, mit der wir viele Tiere und Pflanzen ausrotten, schließt viele Wildorganismen von der weiteren Evolution aus. Durch die Schaffung selbst kleinerer Wildnisgebiete erhalten vor allem auf Wildnisgebiete angewiesene Arten wieder eine Chance bei uns.

Erweiterung unserer Ästhetik

Uns „zivilisierten Mitteleuropäern“ ist eine stark reduzierte Ästhetik zu eigen, die an dominierenden „Idealen“, wie Makellosigkeit, Ordnung auch im Wald, Wegräumen umgefallener Bäume u. a. m. ausgerichtet ist. Kann das Eintauchen in Wildnis nicht helfen, den so verbreiteten in der Natur pervertierten Ordnungssinn aufzubrechen und Wildnis „mit ihrer Unordnung und ihrem Chaos“ als bereichernd zu erleben?

Chance zu mehr Naturerfahrung für Kinder

Kinder haben in den vergangenen 50 Jahren durch vielerlei Entwicklungen zugängliche Naturflächen in großem Umfang verloren. Bei der intensiven Nutzung der Landschaft in Siedlungsgebieten und deren Umgebung sind Bedürfnisse der Kinder weitgehend außer Acht gelassen worden. Dies hat zu deren starker Entfremdung von der Natur beigetragen, die wiederum Auswirkungen auf den Umgang mit der Natur und die Akzeptanz des Naturschutzes hat. Wilde, unverplante Natur, die mit zunehmender Seltenheit erhaltenswert ist und die Kinder erleben können, kann den aufgezeigten Tendenzen entgegenwirken und eine Bewusstseinsänderung fördern.

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